Gunna und Gunnuhver, der Geist, der dem Schlamm seinen Namen gab
Märchen & SagenHalbinsel Reykjanes

Gunna und Gunnuhver, der Geist, der dem Schlamm seinen Namen gab

Die Überlieferung von Guðrún Önundardóttir, genannt Gunna, verbindet Schuld, Groll und Wiedergänger: In Gunnuhver bleibt ihr Name mit dem berühmtesten Geothermalgebiet von Reykjanes verbunden.

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Ein Name, aus Dampf geboren

In Gunnuhver raucht der Boden, der Schlamm brodelt, und die Grenze zwischen Erde und Luft scheint stets instabil. Der Name jedoch ist nicht aus der geothermalen Landschaft entstanden: Vielmehr wurde die Landschaft durch eine Geschichte gedeutet. Hier verortet die Überlieferung Gunna, die Kurzform von Guðrún, eine Frau, die nach ihrem Tod als draugur, als Wiedergängerin, zurückgekehrt sein soll, um die Lebenden heimzusuchen, bis sie in den dampfenden Krater, der heute ihren Namen trägt, zurückgeführt oder hineingezwungen wurde.

Dies ist der Kern der Erzählung: eine Schuld, eine scheinbar geringfügige materielle Kränkung, ein Tod, auf den Unordnung folgt, und schließlich das Eingreifen von séra Eiríkur í Vogsósum, jenem zauberkundigen Priester, der in der isländischen Überlieferung zu beherrschen weiß, was sich keiner gewöhnlichen Autorität mehr fügt.

Gunna, die Schuld und die Rückkehr der Toten

In der verbreitetsten Fassung lebte Gunna in großer Armut. Sie mietete ein kleines Haus oder einen Nebenhof im Südwesten Islands und konnte dem Hausherrn, Vilhjálmur Jónsson, nicht zahlen, was sie ihm schuldete. Als er ihr den Kessel nahm, den wertvollsten Gegenstand, den sie besaß, wurde die Demütigung zum Mittelpunkt der Geschichte: Es handelt sich nicht um irgendeinen häuslichen Streit, sondern um den Bruch zwischen Elend und Macht, zwischen demjenigen, der beschlagnahmen kann, und derjenigen, die selbst das Wenige verliert, das sie hat.

Nach Gunnas Tod, so erzählt die Überlieferung, blieb ihr Geist nicht ruhig. Das Haus, das Grab und die Wege um den Ort füllten sich mit beunruhigenden Zeichen: die Tote auf der einen Seite, der Hausherr auf der anderen und dazwischen eine Gemeinschaft, die die Ereignisse als Wirken einer feindseligen Gegenwart deutet. In manchen Fassungen stirbt Vilhjálmur kurz darauf; in anderen streift die Wiedergängerin durch die Umgebung und bringt jene vom Weg ab, die das Gebiet durchqueren. Der erzählerische Kern bleibt derselbe: Alltägliche Gewalt kehrt in übernatürlicher Gestalt wieder.

Gerade darin liegt die Kraft der Legende. Sie entstand nicht, um ein Ungeheuer zu verklären, sondern um einem sehr konkreten sozialen Konflikt Gestalt zu geben. Der beschlagnahmte Kessel, die Armut, der Körper, der keine Ruhe findet: Es sind kleine Details und gerade deshalb einprägsame. Die Erzählung verwandelt Ungerechtigkeit in eine Gegenwart, die sich nicht länger übersehen lässt.

Séra Eiríkur und der Trick mit dem Faden

An diesem Punkt tritt séra Eiríkur Magnússon í Vogsósum auf, eine reale historische Gestalt des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts, die später zu einer der großen Figuren des isländischen Folklore wurde. In der Überlieferung handelt er nicht im engen Sinne als heiliger Exorzist, sondern als ein Mann, der List, Autorität und eine gewisse Vertrautheit mit dem Grenzbereich zwischen Christentum und Magie einzusetzen vermag.

Die aufgezeichneten Fassungen stimmen nicht in jedem Detail überein. In einer schickt Eiríkur einen Mann mit einem weißen Tuch oder einem sehr langen Taschentuch; in einer anderen erscheint ein Knäuel oder ein Bündel Faden. Gunna wird dazu gebracht, ein Ende davon zu ergreifen, und von diesem Augenblick an ist der Trick vollbracht: Die Gegenwart wird zu jenem Punkt gezogen, an dem die Hitze des Untergrunds und die Geschichte des Ortes sich überlagern. In einer Variante stürzt der Geist in die Fontäne; in einer anderen kreist er am Rand umher, unfähig, sich ganz von dem Faden und dem Krater zu lösen.

Diese Unterschiede sind bedeutsam. Sie verändern nicht die allgemeine Bedeutung, zeigen aber, wie die Erzählung durch den Mund mehrerer Menschen weitergereist ist und sich verschiedenen Orten der Halbinsel angepasst hat: Kirkjuból, Höfn, Grænutóft, Reykjanes. Die Legende ist kein einziger, feststehender Text; sie ist eine Familie von Erzählungen, die denselben symbolischen Schluss teilen: die Einschließung des Geistes in einem Schlund der Erde.

Die Varianten, die die Erzählung zusammenhalten

In Jón Árnasons Sammlung erscheinen mehrere Fassungen desselben erzählerischen Kerns, und diese Vielfalt ist Teil ihres Wertes. Eine Überlieferung nennt sie einfach Gunna; eine andere entfaltet sie als Reykjanes-Gunna oder Önundar-Gunna. Der vollständige Name Guðrún Önundardóttir erscheint als mögliche Identität der Frau hinter der folkloristischen Figur, darf jedoch nicht mit einer im modernen Sinne belegten Biografie verwechselt werden: Die Legende bewahrt möglicherweise eine persönliche Erinnerung, die dann durch mündliche Überlieferung geformt wurde.

Auch die Verbindung zum Ort wird so deutlich. Gunnuhver ist kein Fall, in dem die Landschaft den Mythos erklärt; vielmehr ist es ein Fall, in dem der Mythos die Landschaft im kollektiven Gedächtnis verankert hat. Das Geothermalgebiet von Reykjanes bietet der Überlieferung mit seinem Atem aus Dampf und dem kochenden Schlamm einen sichtbaren Körper. Die Geschichte wiederum gibt dem Ort einen Namen, der nicht neutral ist: Er erinnert an eine Schuld, einen Tod, eine unter der Erde zurückgehaltene Bedrohung.

Wie Gunnuhver heute zu lesen ist

Heute liegt Gunnuhver im Herzen der geothermalen Landschaft von Reykjanes, unweit von Reykjanesviti und in einem Gebiet, das die heutige Vermittlung auch durch Tafeln und markierte Wege erschließt. Doch seine kulturelle Kraft hängt nicht von der touristischen Inszenierung ab. Sie beruht darauf, dass hier eine verhältnismäßig junge und gut belegte Überlieferung einem Ort in ständiger Bewegung erzählerische Gestalt gegeben hat.

Deshalb sollte Gunnuhver als Schwellen-Erzählung gelesen werden: zwischen Armut und Gewalt, zwischen Leben und Wiedergänger, zwischen Volksstimme und Ortsname. Der Dampf ist kein Beweis für die Legende; er ist der Grund, weshalb die Legende hier eine glaubhafte und dauerhafte Heimstatt gefunden hat.

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Wo sie spielt

63.8199° N · 22.6874° W

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