Der Goldkessel von Fardagafoss und Gufufoss
TrolleOsten

Der Goldkessel von Fardagafoss und Gufufoss

Hinter Fardagafoss in Ostisland verortet die Überlieferung eine tröllskessa und ihren Goldkessel: Der Schatz gelangt nach Gufufoss, zwischen Höhle und Wasserfall.

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Der Wasserfall hinter dem Wasserfall

Fardagafoss stürzt unweit von Egilsstaðir am Fuß der Fjarðarheiði entlang der Miðhúsaá hinab, desselben Wasserlaufs, zu dem auch Gufufoss und Folaldafoss gehören. Diesen Wasserfall kann man aus nächster Nähe erkunden: Der Pfad steigt von der Straße 93 an, die Schlucht verengt sich, und hinter dem Wasservorhang erscheint eine natürliche Höhlung, die zumindest der Volksfantasie die Vorstellung eines verborgenen Unterschlupfs glaubhaft macht. Gerade aus diesem Zusammentreffen von Höhenunterschied, Höhle und dem Rauschen des Sturzes erwächst seine bekannteste Legende. (east.is)

Die von Jón Árnason festgehaltene Erzählung

Die älteste und am besten belegte Form der Erzählung ist keine mittelalterliche Saga, sondern eine Überlieferung, die Jón Árnason im 19. Jahrhundert sammelte und in Íslenzkar þjóðsögur og æfintýri veröffentlichte. Der Text findet sich im Kapitel über fólgið fé, den verborgenen Schatz: Bei Gufufoss, so heißt es in der Sammlung, gebe es einen Wasserfall mit einer Stufe und einem Becken zwischen zwei Ebenen; zwischen diesen Felsen hänge, für den Betrachter unsichtbar, ein mit Gold gefüllter Kessel, getragen von einer Eisenstange. Gleich darauf erwähnt die Erzählung Fardagafoss, weiter oben im selben Tal, und beschreibt seine Höhle hinter dem Wasserfall, die man durchqueren kann, ohne nass zu werden. (is.wikisource.org)

In dieser Fassung steht nicht die Riesin selbst im Mittelpunkt, sondern der Schatz, der unerreichbar bleibt. Fardagafoss fungiert als physische Schwelle der Erzählung: Oberhalb des Wasserfalls liegt die Höhlung; weiter unten, bei Gufufoss, befindet sich der Ort, an dem das Wertvolle verwahrt, aber nicht geborgen werden kann. Genau darin liegt die Spannung der Legende: Der Ort verheißt einen nahen Reichtum und verweigert ihn zugleich. (norroen.info)

Die lokale Variante, die der Legende ein Gesicht gab

Zeitgenössische Deutungen des Ortes, besonders jene im Zusammenhang mit dem Wanderweg, machen die Geschichte ausdrücklicher und persönlicher. Hier wird die Höhle hinter Fardagafoss zum Zuhause einer äußerst wilden tröllskessa, einer Riesin; die Überlieferung fügt sogar einen gedachten Tunnel unter der Fjarðarheiði hinzu, der sie mit Gufufoss im Tal von Seyðisfjörður verbinden soll. In dieser Fassung besitzt die Riesin einen Kessel voller Gold und lässt ihn, als sie den Tod nahen spürt, in eine tiefe Höhlung des Gufufoss hinabgleiten, wo sein Henkel bei niedrigem Wasserstand mitunter noch sichtbar sein soll. (east.is)

Diese Variante darf nicht mit dem Text aus dem 19. Jahrhundert verwechselt werden: Sie ist keine Berichtigung Jón Árnasons, sondern eine lokale und moderne Ausgestaltung, die die Landschaft für Besucher lesbarer macht. Der Übergang vom Becken mit dem Schatz zur Riesin, die die Höhle bewohnt, folgt einer für Ortslegenden typischen erzählerischen Logik: Die übernatürliche Präsenz erklärt, warum jene Höhlung besonders ist, während der Schatz das Fortbestehen des Namens und der Verknüpfung begründet. (is.wikisource.org)

Warum gerade hier

Der Grund, weshalb Fardagafoss diese Geschichte bewahrt hat, ist einfach und greifbar: Der Wasserfall bietet tatsächlich einen Raum hinter dem Wasservorhang, und die Schlucht lässt ein verborgenes Inneres erahnen, beinahe ein Zimmer im Berg. In Island entstehen viele lokale Erzählungen an solchen Schwellenorten — einer Höhle, einem Spalt, einem abgetrennten Felsen —, doch hier ist die Wirkung besonders stark, weil die Erzählung zwei Elemente desselben Tals miteinander verbindet, nicht einen beliebigen Ort mit einem abstrakten Schatz. Fardagafoss liegt weiter oben, Gufufoss weiter unten, und der Mythos hält beide Ebenen zusammen, als wären sie die Räume eines einzigen unterirdischen Hauses. (east.is)

Auch der Name hilft, den Wasserfall in einer menschlichen, nicht allein natürlichen Zeit zu verorten. Fardagar sind die Tage des sommerlichen landwirtschaftlichen Umzugs, ein Begriff aus dem traditionellen Kalender der Ortswechsel von Höfen und Arbeitskräften; Fardagafoss in diesem Horizont zu lesen heißt zu verstehen, dass der Ortsname an Übergang, Reise und den Augenblick erinnert, in dem man einen Ort verlässt, um zu einem anderen aufzubrechen. Die Legende geht nicht aus dieser Etymologie hervor, doch der Name fügt sich ihr genau: Fardagafoss ist ein Wasserfall des Übergangs, und die Erzählung vom Kessel handelt eben von etwas, das weiterzieht, verschwindet und nahe bleibt, ohne je in Besitz genommen zu werden. (islensktalmanak.is)

Was heute erkennt, wer hierherkommt

Noch heute kann der Besucher die Erzählung in der Landschaft lesen, ohne sie zu einem Reiseführer machen zu müssen. Die Höhle hinter dem Wasserfall, die den Pfad einengende Schlucht, die Abfolge der drei Fälle an der Miðhúsaá und der weiter talabwärts gelegene Gufufoss genügen, um zu verstehen, weshalb diese Überlieferung gerade hier Gestalt angenommen hat. Nur ein Hinweis zur Einordnung ist wichtig: Der Gufufoss der Legende ist jener an der Miðhúsaá und darf nicht mit dem gleichnamigen Wasserfall bei Seyðisfjörður verwechselt werden; die Verbindung mit dem Tal jenseits der Fjarðarheiði gehört den späteren Fassungen und den heutigen Erzählungen des Ortes an. (norroen.info)

Deshalb sollte Fardagafoss nicht als dekorative Kuriosität gelesen werden, sondern als erzählte Landschaft. Der Wasserfall dient nicht dazu, den Mythos zu „erklären“; vielmehr hat der Mythos im Lauf der Zeit gelehrt, den Wasserfall als Schwelle zu sehen, als mögliches Zuhause einer tröllskessa und als den Ort, an dem ein Schatz für immer nur eine Handbreit entfernt bleibt. (is.wikisource.org)

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Wo sie spielt

65.2672° N · 14.3318° W

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