Die Küste wird zur Erzählung
Vor Reynisfjara, unterhalb des Reynisfjall und unweit von Vík í Mýrdal, ragen die Reynisdrangar als basaltische Felstürme empor, die die Linie des Atlantiks mit einer beinahe theatralischen Präsenz durchbrechen. Ihre Silhouette gehört bereits zu der Weise, in der Südisland sich selbst erzählt: nicht als bloße Küste, sondern als Ort, an dem das Meer eine Gestalt hinterlassen hat, die es zu deuten gilt. (visindavefur.is)
Das Schiff, die tröllkona und der Stein
Die älteste überlieferte Fassung erzählt nicht von namenlosen Trollen, die von der Morgendämmerung überrascht werden. Sie berichtet vielmehr, dass ein großes Schiff Þórshöfn östlich des Reynisfjall anlief, weil ein Sturm es beschädigt und zu einem Aufenthalt für Reparaturen gezwungen hatte. Während die Besatzung arbeitete, kam eine tröllkona und bat darum, an Bord gebracht zu werden; der Text erwähnt zudem, dass sich ein konungssonur, der Sohn eines Königs, mit seiner Verlobten auf dem Schiff befand. Der Prinz verweigerte der Frau die Überfahrt, das Schiff fuhr am Berghang entlang weiter, und als die skessa versuchte, es vom Meer aus zu erreichen, belegten sie einander mit Flüchen: Sie drohte, Schiff und Besatzung zu versteinern, er entgegnete, auch sie werde zu Stein werden. So erklärt die Überlieferung die drangar. (norroen.info)
Woher die Geschichte tatsächlich stammt
Dies ist keine Szene aus einer mittelalterlichen Saga, sondern eine im 19. Jahrhundert aufgezeichnete lokale Legende. Jón Árnason veröffentlichte sie 1862 in Íslenzkar þjóðsögur og æfintýri und schrieb sie Runólfur Jónsson aus Vík zu; der Text selbst bezeichnet sie als munnmælasaga, also als Erzählung mündlicher Überlieferung, die in der Gegend vor ihrer schriftlichen Fixierung kursierte. Das ist ein entscheidendes Detail, denn es verhindert, dass die Erzählung in eine frühere Zeit zurückdatiert wird, als wir belegen können. (norroen.info)
Die Varianten, die den Sinn verändern
Die heute verbreitetste Variante, vor allem in populärwissenschaftlichen und touristischen Darstellungen, erzählt von zwei Trollen, die ein Schiff ans Ufer ziehen und bei Tagesanbruch versteinert zurückbleiben; sie ist eine wirkungsvolle Zusammenfassung, stimmt jedoch nicht vollständig mit der von Jón Árnason aufgezeichneten Fassung überein. Im älteren Text entsteht die Versteinerung aus einem Wortgefecht, nicht aus einem bloßen Versäumnis angesichts des Tageslichts. Dieselbe Überlieferung fügt noch ein weiteres Detail hinzu: Einer anderen Erzählung zufolge stand hinter der skessa ein großer jötunn, der mit Landdrangur gleichgesetzt wird. (varnish-7.visir.is)
Was die Landschaft lehrt
Hier ersetzt der Mythos nicht die Geologie: Er tritt ihr zur Seite. Naturkundlich gesehen sind die Reynisdrangar der harte Kern eines vom Meer erodierten Tuffrückens, vermutlich in Verbindung mit dem Reynisfjall; kulturell hingegen werden sie zu einem stillgelegten Schiff, zu einem Wächter zwischen dem Berg und der Macht des Ozeans. Deshalb bleibt ihr Name untrennbar mit Reynisfjara verbunden: Die Küste ist nicht nur der Hintergrund der Erzählung, sondern der Ort, den die Erzählung lesen lehrt. (visindavefur.is)
Wer sie heute betrachtet, sieht daher zwei übereinanderliegende Ebenen: eine durch Erosion geformte vulkanische Formation und eine lokale Legende, die ihr Charakter, Rang und Erinnerung verliehen hat. Die Reynisdrangar sind kein geologisches Rätsel, das durch Folklore gelöst wird; sie sind eine Landschaft, die die Folklore lesbar gemacht hat. (visindavefur.is)
Atlas


