Die landvættir Islands, die mythischen Wächter der Insel
Naturgeister

Die landvættir Islands, die mythischen Wächter der Insel

In der *Heimskringla* wird ein Gesandter Haraldr Gormssons von den vier landvættir zurückgewiesen; noch heute erscheinen dieselben Wächter im Staatswappen. ([visindavefur.is](https://www.visindavefur.is/svar.php?id=5415&utm_source=openai))

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Die Erzählung von den Wächtern an den Küsten

Die landvættir gehören keinem einzelnen Heiligtum an: Ihr Ort ist der Rand Islands, wo das Land auf das Meer trifft. In der bekanntesten Erzählung, die in der Heimskringla berichtet wird, schickt Haraldr Gormsson von Dänemark einen Seher in Gestalt eines Wals aus, um die Insel vor einem Invasionsversuch zu erkunden. Der Mann umkreist die Küste und findet Island bereits von Wesen bewohnt, die jedem feindlich gesinnt sind, der ohne Erlaubnis eindringen will. Im Osten begegnet er einem Drachen; im Norden einem großen Vogel, umgeben von anderen Vögeln; im Westen einem Stier; im Süden einem Felsenriesen mit einem Eisen in der Hand. Jedes Mal ist er gezwungen, sich zurückzuziehen. Die Erzählung gipfelt in einem eindeutigen Scheitern: Die Insel lässt sich als eine von Wächtern umgebene Festung lesen. (heimskringla.no)

Eine mittelalterliche Überlieferung, keine unbestimmte Legende

Dies ist die berühmteste, jedoch nicht die einzige Fassung. Die Stelle gehört zur Óláfs saga Tryggvasonar in der Heimskringla, einem Werk aus dem mittelalterlichen Umfeld, das im 13. Jahrhundert verfasst wurde und gewöhnlich in die zwanziger oder dreißiger Jahre des 13. Jahrhunderts datiert wird. Die Erzählung handelt von einer heidnischen Vergangenheit, tut dies jedoch innerhalb einer bereits christlichen und historisch bewussten Literatur. Deshalb ist es wichtig, die Ebene des Textes nicht mit jener späterer Volksüberlieferungen zu verwechseln: Hier begegnet uns kein bloßes „altes Märchen“, sondern eine historiografisch-literarische Gestaltung, die die isländische Landschaft als politischen und symbolischen Raum ordnet. Einige Forschende haben zudem eine mögliche Parallele zu den biblischen Cherubim bemerkt; dies ist eine interessante vergleichende Deutung, kein nachgewiesener Ursprung. (snl.no)

Vor dem nationalen Mythos: die weitere Bedeutung von landvættir

Der Begriff war weiter gefasst als die Geschichte von den vier Wächtern allein. In Landnámabók bezeichnet landvættir allgemein übernatürliche Wesen, die mit dem Land verbunden sind: Dort erscheinen bergbúar, troll, finngálkn, fossvættir, marbendlar und nykrar; und in derselben Überlieferung findet sich die Warnung an Seefahrer, sich der Küste nicht mit „klaffenden“ oder weit geöffneten Schiffssteven oder Schiffsköpfen zu nähern, um die landvættir nicht zu erschrecken. Mit anderen Worten: Das Verhältnis zwischen Menschen und den Geistern des Landes ist heikel; sie sind keine wohlwollenden Maskottchen, sondern Mächte, mit denen man verhandeln muss. Auch Egils saga bewahrt diesen rauen Ton. Als Egill Skalla-Grímsson eine níðstöng gegen den König und die Königin von Norwegen errichtet, verflucht er nicht nur die Herrscher: Er richtet die Schmähung auch gegen die landvættir, die jenes Land bewohnen, damit sie den Weg verlieren, bis die Feinde vertrieben sind. (visindavefur.is)

Die vier Gestalten im Wappen

Die moderne Festlegung der Überlieferung ist eindeutig: Die vier landvættir werden zu den Wappenträgern Islands. In der heute geläufigsten Form sind es der griðungur, der gammur, der dreki und der bergrisi; in der isländischen institutionellen und pädagogischen Sprache bleibt diese Geschichte Teil der staatsbürgerlichen Kultur des Landes. In der offiziellen Darstellung des Wappens steht der griðungur rechts vom Schild, der bergrisi links, der gammur über dem griðungur und der dreki über dem bergrisi. Dies ist ein bedeutsamer Übergang, denn er verwandelt eine Grenzerzählung in ein Staatsemblem. Hier erklärt der Mythos nicht die Natur der Insel: Er deutet sie als geschützten, in Viertel gegliederten und bewachten Raum. (visindavefur.is)

Wie sich die Landschaft heute lesen lässt

Für Reisende in Island bezeichnen die landvættir keinen Ort, den man erreichen soll, sondern eine Weise, die Küste zu betrachten. Die Saga stellt sich die Insel als einen verteidigten Umkreis vor, nicht als ein zu eroberndes Inneres; deshalb decken sich Naturlandschaft und Erzählung nur teilweise. Das Meer bleibt die entscheidende Schwelle, und die vier Wächter sind als Wachen an den Zugängen verteilt, nicht als Geister eines einzelnen Berges oder eines einzigen Wasserfalls. Auch deshalb hat sich ihre Erinnerung so gut erhalten: Sie ist nicht an eine fragile lokale Mikroüberlieferung gebunden, sondern an eine umfassende Vorstellung Islands als eines zu schützenden Landes, die bereits in mittelalterlichen Texten erkennbar ist und später in den Symbolen des Staates festgeschrieben wurde. (heimskringla.no)

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