Ein Canyon, der schon wie eine Erzählung wirkt
Ásbyrgi zeigt sich nicht als bloße Schlucht, sondern als hufeisenförmiges Becken, das sich im Norden Islands in beinahe theatralischer Gestalt öffnet: etwa 3,5 km lang, etwas mehr als 1 km breit, mit Wänden, die im Inneren bis zu 100 Meter hoch aufragen, und in der Mitte Eyjan, der isolierte Höhenzug, der die Symmetrie des Ortes durchbricht. Es ist eine so klare Geometrie, dass sie bereits wie für eine erzählerische Erklärung geschaffen erscheint. (vatnajokulsthjodgardur.is)
Gerade deshalb ist Ásbyrgi zu einer der isländischen Landschaften geworden, die sich besonders leicht durch den Mythos lesen lassen: Der Ort scheint eine Frage zu stellen, und die Überlieferung hat ihr mit einem einprägsamen Bild geantwortet. Noch bevor man von ihm als Naturattraktion spricht, liest man ihn als erzählte Form. (vatnajokulsthjodgardur.is)
Die Legende von Sleipnirs Hufabdruck
Die bekannteste Fassung besagt, dass Sleipnir, Óðinns achtbeiniges Pferd, hier einen Huf auf den Boden setzte und im Erdreich die Spur hinterließ, die wir heute in der Vertiefung des Canyons erkennen. Die Legende wirkt, weil sie eine ungewöhnliche Landschaftsform in eine göttliche Geste verwandelt: Sie erklärt nicht nur die Gestalt, sondern lädt sie mit Gegenwart auf. (vatnajokulsthjodgardur.is)
Sleipnir ist schließlich kein beliebiges Wesen der nordischen Mythologie. In Snorri Sturlusons Gylfaginning wird er als das beste Pferd der Götter beschrieben, das Óðinn gehört und acht Füße besitzt; später zeigt Snorri ihn auch als das Pferd, das Hermóðr für seinen Ritt nach Hel wählt. Das Pferd, an das Ásbyrgi erinnert, gehört somit zu einer klar umrissenen mittelalterlichen Vorstellungswelt, nicht zu einem unbestimmten Folklorebestand. (sacred-texts.com)
Von der Mythologie zur lokalen Erzählung
Hier gilt es, die Ebenen auseinanderzuhalten. Der mittelalterliche Text bewahrt Sleipnir innerhalb der nordischen Mythologie, verbindet Ásbyrgi jedoch nicht mit dem Pferd; die Verknüpfung zwischen Canyon und Huf gehört vielmehr zu einer späteren erklärenden Überlieferung, die heute von den Institutionen des Parks als Ortslegende wiedergegeben wird. Es handelt sich also nicht um eine in Ásbyrgi spielende Sagenepisode, sondern um eine folkloristische Lesart der Landschaft, die von einer bereits bekannten Figur ausgeht. (vatnajokulsthjodgardur.is)
Dieser Übergang ist auch für heutige Leser wichtig: Die Geschichte von Sleipnir entsteht nicht aus dem Canyon, sondern der Canyon hat Sleipnir als Deutungsschlüssel angenommen. Das Verhältnis ist umgekehrt wie in vielen vereinfachten Reiseführern, in denen der Mythos dem Ort vorauszugehen scheint; hier hingegen ist der Ort real, und die Legende legt sich ihm wie eine zweite erzählerische Haut an. (vatnajokulsthjodgardur.is)
Geologie, Name und Ähnlichkeit
Die Geologie erzählt eine andere Geschichte, ganz konkret und nicht weniger eindrucksvoll. Der Park erklärt, dass Ásbyrgi durch mindestens zwei große jökulhlaup aus dem Vatnajökull entstand: eines vor 8.000 bis 10.000 Jahren und ein weiteres vor etwa 3.000 Jahren. Seither hat sich die Jökulsá nach Osten verlagert und das hoch gelegene Becken trocken zurückgelassen. Die Legende ersetzt diesen Ursprung nicht; sie begleitet ihn, denn die Form des Canyons selbst lädt dazu ein, sie als Abdruck zu lesen. (vatnajokulsthjodgardur.is)
Auch der Name hilft zu verstehen, warum die Erzählung auf fruchtbaren Boden fiel. Ásbyrgi lässt sich als Zusammensetzung aus áss, „Gott“, und byrgi, „Einhegung“ oder „Zuflucht“, deuten: ein Ortsname, der wie „Zuflucht der Götter“ klingt. Die etymologische Deutung beweist die Legende nicht, erklärt jedoch ihre Natürlichkeit: Ein so benannter Ort scheint beinahe nach einer göttlichen Geschichte zu verlangen. (heimskringla.no)
Die zweite Schicht: álfa und huldufólk
Neben Sleipnir gibt es eine zweite Ebene von Assoziationen, anders und beweglicher. In der Darstellung des Parks heißt es, besonders rund um Botnstjörn empfänden viele eine besondere Heiligkeit des Ortes und stellten sich dort die Wohnstätten von álfa und huldufólk vor. Es handelt sich um eine parallele Überlieferung, nicht um dieselbe Geschichte wie die von Óðinns Pferd: Mehr als dass sie die Form des Canyons erklärt, verdichtet sie dessen erzählerische Aura. (vatnajokulsthjodgardur.is)
Deshalb sollte Ásbyrgi als vielschichtige Landschaft gelesen werden. Einerseits liegt dort das von Flutwassern ausgeschürfte Becken; andererseits die Legende vom großen göttlichen Pferd; dazwischen die lokale und moderne Empfindung, die dem Ort weiterhin eine zusätzliche Gegenwart zuschreibt. Wer heute ankommt, begegnet nicht nur einer Vertiefung in Basalt und Vegetation, sondern einem Ort, an dem Natur, Name und Erzählung gelernt haben zusammenzufallen, ohne dasselbe zu werden. (vatnajokulsthjodgardur.is)
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